Können Offshore-Windparks und Fischerei koexistieren?

Können Offshore-Windparks und Fischerei koexistieren?

Der Ausbau von Offshore-Windenergie ist ein zentraler Bestandteil der Energiewende in Deutschland. Die Bundesregierung hat ehrgeizige Ziele: Bis 2045 soll der Stromsektor klimaneutral sein, und Windkraft auf See spielt dabei eine Schlüsselrolle. Doch die Nord- und Ostsee sind nicht nur Energiequellen, sondern auch Lebens- und Arbeitsräume – insbesondere für die Fischerei. Die Frage lautet daher: Können Offshore-Windparks und Fischerei nebeneinander bestehen, oder stehen sie sich unversöhnlich gegenüber?
Zwei Wirtschaftszweige mit unterschiedlichen Interessen
Sowohl die Windenergie als auch die Fischerei nutzen das Meer, aber auf sehr verschiedene Weise. Für die Fischerei geht es um den Zugang zu Fanggebieten, in denen sich die Bestände gut entwickeln. Die Windindustrie hingegen sucht Standorte mit konstanten Windverhältnissen und geeigneten Wassertiefen. Oft überschneiden sich diese Gebiete – und das führt zu Konflikten um Raum, Zugang und Umwelteinflüsse.
Fischerinnen und Fischer befürchten, dass Windparks traditionelle Fanggründe blockieren und dass Bauarbeiten, Lärm und elektromagnetische Felder die Fischbestände beeinträchtigen könnten. Die Windbranche verweist dagegen auf mögliche ökologische Vorteile: Die Fundamente der Anlagen könnten als künstliche Riffe dienen, die neue Lebensräume für Muscheln, Algen und Fische schaffen.
Was sagt die Forschung?
Wissenschaftliche Studien zeigen ein differenziertes Bild. Während der Bauphase können Unterwasserlärm und Sedimentaufwirbelungen Fische vertreiben. Nach der Fertigstellung jedoch bilden sich an den Fundamenten häufig neue Lebensgemeinschaften. Untersuchungen des Thünen-Instituts und anderer Forschungseinrichtungen deuten darauf hin, dass bestimmte Arten – etwa Dorsche oder Seelachse – von den Strukturen profitieren, weil sie dort mehr Nahrung finden.
Zudem sind viele Windparkzonen für die kommerzielle Fischerei gesperrt. Diese Gebiete können somit als Rückzugsräume für Fischbestände wirken, ähnlich wie Meeresschutzgebiete. Langfristig könnte das sogar positive Effekte auf die Fischpopulationen außerhalb der Parks haben. Dennoch bleibt die Lage komplex: Manche Arten meiden die Anlagen, und Veränderungen in Strömungen oder Sedimenten können Laichplätze beeinträchtigen. Jede neue Anlage muss daher standortspezifisch bewertet werden.
Kooperation statt Konfrontation
In den letzten Jahren hat sich der Dialog zwischen Fischerei, Wissenschaft und Energiewirtschaft intensiviert. Projekte zur sogenannten Koexistenzplanung versuchen, Lösungen zu entwickeln, die beiden Seiten gerecht werden. So wird etwa erprobt, ob bestimmte Formen des Kleinfischfangs innerhalb von Windparks möglich sind, ohne die Sicherheit zu gefährden. Auch gemeinsame Projekte zur Förderung der Biodiversität – etwa durch gezielte Ansiedlung von Muschelbänken – werden getestet.
Einige Bundesländer, wie Niedersachsen und Schleswig-Holstein, setzen auf frühzeitige Beteiligung der Fischerei bei der Standortplanung. Das Wissen der Fischer über lokale Strömungen, Laichgebiete und Fangrouten kann helfen, Konflikte zu vermeiden und Akzeptanz zu schaffen.
Technik und Raumplanung als Schlüssel
Die Offshore-Technologie entwickelt sich rasant weiter. Schwimmende Windturbinen könnten künftig in tieferen Gewässern installiert werden, weit entfernt von traditionellen Fanggebieten. Gleichzeitig ermöglichen digitale Karten, Umweltmonitoring und maritime Raumplanung eine präzisere Abstimmung zwischen Energiegewinnung, Fischerei, Naturschutz und Schifffahrt.
Deutschland arbeitet im Rahmen der EU-Meeresraumplanung daran, die Nutzung der Meeresflächen ganzheitlich zu steuern. Ziel ist es, ökologische Belastungen zu minimieren und gleichzeitig wirtschaftliche Chancen zu nutzen. Dabei spielt auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Nachbarländern eine wichtige Rolle.
Eine gemeinsame Zukunft auf See
Offshore-Windenergie und Fischerei müssen keine Gegensätze sein. Beide sind auf ein gesundes Meer angewiesen – und beide können voneinander profitieren, wenn sie kooperieren. Voraussetzung ist Transparenz, wissenschaftlich fundierte Planung und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen.
Wenn es gelingt, die Interessen zu verbinden, kann Deutschland sowohl seine Klimaziele erreichen als auch die maritime Wirtschaft stärken. Die Koexistenz von Windkraft und Fischerei ist keine einfache Aufgabe – aber sie ist entscheidend, um die Zukunft der Nord- und Ostsee nachhaltig zu gestalten.













